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Vom sehenden Reisenden zum blinden Passagier

Am 5. Mai 1843 berichtet ein Augenzeuge über einen der ersten Transit-Orte der Moderne. Gefeiert wird die Eröffnung der französischen Eisenbahnlinien in Paris. Der Augenzeuge ist Heinrich Heine:

»Die Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen, wovon die eine nach Orleans, die andere nach Rouen fährt, verursacht hier eine Erschütterung, die jeder mitempfindet, wenn er nicht etwa auf einem socialen Isolirschemel steht. […] Während […] die große Menge verdutzt und betäubt die äußere Erscheinung der großen Bewegungsmächte anstarrt, erfaßt den Denker ein unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind. […] Die Eisenbahnen sind […] ein providenzielles Ereigniß, das der Menschheit einen neuen Umschwung giebt, das die Farbe und Gestalt des Lebens verändert; es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte, und unsre Generazion darf sich rühmen, daß sie dabey gewesen.«

In Heines Bericht wird deutlich, dass die Beschleunigung vom gemächlichen Reisetempo der Postkutsche hin zu den »großen Bewegungsmächte[n]« der Eisenbahn keine bloß graduelle Veränderung ist. Die Eisenbahn ist nicht nur Mittel, um den beschleunigten Ereignissen der Moderne beizuwohnen, sondern wird selbst zum beschleunigenden Ereignis, das Menschen in ganz Europa fasziniert.