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Kap der letzten Hoffnung

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 treten das Hotel und die Eisenbahn immer seltener als offene Gesellschaftsorte in Erscheinung. Cordula Seger findet in ihrer Grand-Hotel-Studie die deutliche Formel: »1933, kein Ort mehr«. Der Transit-Ort Hotel, wenige Jahre zuvor noch der gesellschaftliche Treffpunkt schlechthin, wird von den Nationalsozialisten radikal umgedeutet. Das Jahr 1933 gelte, so Seger weiter,

»als Chiffre eines Einbruchs, der politisch eine erschreckende Umwertung der zivilisatorischen Werte in Deutschland mit sich brachte. Es ist ein Zeitpunkt, dessen Auswirkungen auch das Grand Hotel grundlegend in Mitleidenschaft zogen. Denn wie kaum ein anderer Ort verkörpert das Grand Hotel das Kosmopolitische und steht einer Eingrenzung auf das Nationale diametral entgegen: Insofern, als das Grand Hotel als internationale Gesellschaftsinsel figuriert, ist es immer schon exterritorial.«

Mit dem Exterritorialen und Ortlosen sind Merkmale angesprochen, die über das Grand Hotel hinaus reichen und den Transit-Ort im Allgemeinen betreffen. Angesichts der Bedeutung, die dem Begriff des nationalen Territoriums – auch bezeichnet als Lebensraum oder Boden – in der nationalsozialistischen Ideologie zukommt, und angesichts des militärischen Aufwands, mit dem spätestens nach 1939 unablässig versucht wird, das ›Dritte Reich‹ territorial zu vergrößern, ist es nur folgerichtig, dass die Nationalsozialisten den Orten der Vermischung und Delokalisierung, also den Transit-Orten, durchweg ablehnend gegenüberstehen.